Der Corona-Blog

Covid-19 hat viele Menschen in den Bann gezogen. Gesundheitlich weit weniger als emotional und mental. Dieses in den Bann Ziehen ging an Wissenschaftlern nicht vorbei. Dieser Blog beschreibt die Aktivitäten verschiedener Wissenschaftler aus dem Bereich der Volkswirtschaftslehre, Ökonometrie, Virologie und Physik, die gemeinsam versuchen, die Entwicklung von Covid-19 in Deutschland greifbar zu machen. Viel wurde erreicht, noch viel mehr bleibt jedoch noch zu verstehen. Die wissenschaftlichen Fachartikel zu diesem Blog finden sich auf einer anderen Seite.

Der Urlaubscheck – Wohin geht die Reise in Zeiten von Covid-19? – Einschätzung vom 9. Juli

[mit Dr. Constantin Weiser] Die Frage kann auf mindestens zwei Arten verstanden werden. Wie gestaltet sich der weitere Verlauf der Covid-19-Pandemie? Bleibt die Anzahl der Neuinfektionen weiterhin auf einem niedrigen Niveau, so dass man sich fast etwas wie Normalität erhoffen könnte? Oder kann die Frage räumlich verstanden werden? Stellen wir die Frage, wohin die Urlaubsreise gehen kann in den aktuellen Zeiten? Wir machen beides.

Die erste Interpretation allein wäre etwas unspektakulär, fast nicht der Rede wert. Es passiert nichts in Deutschland. Die Anzahl der Neuinfektionen fällt langsam. Es gab ein Tonnies-Unglück, aber danach fielen die Zahlen wieder. Aber sie fielen nicht stark. Wenn wir uns die Abbildung des Robert-Koch Instituts ausleihen dürfen, dann ist dieser Zusammenhang klar.

Schon Anfang Juni lag die Anzahl der Neuinfektionen in Deutschland pro Tag im Schnitt um die 500. Vorher warteten wir darauf, dass die Anzahl endlich unter 500 fällt, danach warteten wir auf die 400, vielleicht die 300. Aber dann gab es das Problem in Schlachthöfen. Nun warten wir wieder auf das Fallen unter die 400, unter die 300 – wir warten. Fast nicht der Rede wert.

Auf der anderen Seite ist ja diese scheinbare Konstanz auch schon informativ. Mit den aktuellen gesundheitspolitischen Maßnahmen scheint sich die Anzahl der Neuinfektionen zu stabilisieren. Es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts. Wenn man einen Trend erkennen wollte (den man vermutlich auch statistisch belegen könnte), dann gehen die Anzahl der Neuinfektionen ganz langsam zurück. Aber eben nur langsam. Also kann man gespannt sein auf die Urlaubszeit, auf Reiseaktivitäten, auf den Neubeginn der Schule. Mit vielen neuen Kontakten könnte die Anzahl der Neuinfektionen wieder steigen. Oder mit weiteren Lockerungsmaßnahmen. Keine Masken mehr, wieder Großveranstaltungen, weniger Hygienevorschriften, Wiedereröffnung von Clubs und Bars, es bleibt noch viel zu lockern. Sollten wir aktuell auf einem konstanten Trend sein, dann würde man vermuten, dass weitere Lockerungen den Trend umkehren.

Bevor jedoch die Schulen wiederbeginnen – und das wird ja tatsächlich ein großes soziales und gesundheitliches Experiment – die Statistiker stehen in den Startlöchern, könnten wir uns der zweiten Interpretation der obigen Frage widmen. Wohin kann denn die Urlaubsreise gehen? Nehmen wir an, wir verhalten uns im Urlaub ziemlich ähnlich wie zuhause in Bezug auf soziale Kontakte. Wir gehen von unserer Wohnung in eine Ferienwohnung. Statt zuhause in einem Supermarkt einzukaufen machen wir das am Urlaubsort. Dann sollte die Anzahl der Kontakte (abgesehen von den Reisekontakten) pro Tag relativ unverändert sein. Damit wäre dann also das einzige Kriterium für die Frage eines erhöhten Infektionsrisikos, ob die Reise in eine Region geht, wo die Anzahl der Infizierten pro Einwohner höher ist. Natürlich muss diese Überlegung so nicht gelten – vielleicht fahren wir ja in den Urlaub, um dort ganz viele neue Leute ganz intensiv kennenzulernen, oder wir fahren in den Urlaub, um ganz für uns allein durch die Berge zu wandern oder zu meditieren. Dann ändert sich natürlich das individuelle Infektionsrisiko auch durch das geänderte individuelle Verhalten. Die folgenden Abbildungen sind also nur informativ für eine Urlaubsplanung, wenn wir im Urlaub genauso häufig mit anderen Menschen in Kontakt treten wie zuhause. Wenn dies der Fall ist, dann ist es infektionsbezogen eine gute Idee, in eine Region mit niedrigen Infektionszahlen pro Einwohner zu fahren. Es ist keine gute Idee, in eine Region mit hohen Infektionszahlen pro Einwohner zu fahren.

Bevor wir uns die Abbildungen ansehen, eine Bemerkung zur Herkunft der Daten. Die Daten werden vom  "European Centre for Disease Prevention and Control" (ECDC) veröffentlicht und zum Download bereitgestellt. Die Daten aus Ländern der EU werden durch die nationalen Meldesysteme erhoben, internationale Daten durch die WHO bereitgestellt und durch manuelle Auswertung von 500 Datenquellen ergänzt. Die Aussagekraft der Daten dürfte je nach Land unterschiedlich sein, da die Zahlen, je nach Testverhalten und Erhebungssystem mehr oder weniger stark das tatsächliche Infektionsgeschehen abbilden. Insbesondere die Konzentration des Infektionsgeschehens auf lokale Hotspots wird aus den Daten nicht ersichtlich, was jedoch wichtig wäre für die Beurteilung des tatsächlichen Infektionsrisikos in einer Region. Trotzdem glauben wir, dass folgende Abbildungen informativ sind, zumindest in einem indirekten, aber dennoch hilfreichen Sinn – auf den wir zurückkommen werden. Nun die Abbildungen.

Schauen wir zunächst auf die beliebtesten Urlaubsziele der Deutschen über die vergangenen Jahre.

An erster Stelle der beliebtesten Urlaubsziele steht Deutschland selbst. Der qualitative Verlauf ist bekannt. In Spitzenzeiten im April steckte sich jeder 5. bis 6. von 100.000 Einwohnern pro Tag an (und wurde als Infektion gemeldet, also ohne Berücksichtigung von nicht-gemeldeten und von stummen Infektionen). Danach fielen die Neuinfektionen bis Mitte Juni, Schlachtbetriebe führten zu einem Neuanstieg, jetzt fallen sie wieder (aber eben nicht stark, wie oben beschrieben). Der aktuelle Stand in Deutschland ist mit der roten Linie gekennzeichnet – in der Abbildung für Deutschland wie auch in den anderen Abbildungen. Ein Vergleich der Entwicklungen in Spanien, Italien und Griechenland zeigt: nichts wie ab in den Urlaub. Spanien und Italien hatten viel höhere Infektionszahlen pro 100.000 Einwohnern. Aktuell sind die Zahlen jedoch mit Deutschland vergleichbar. Ja, es gibt Schwierigkeiten, Infektionszahlen international aufgrund unterschiedlicher Messmethoden zu vergleichen, es mag auch Fragen bezüglich der Glaubwürdigkeit von Daten geben, letztere erscheinen jedoch für diese Länder nicht zu gravierend. Nach obigen Daten sollte Griechenland das Urlaubsland Nummer 1 sein. Viel schwieriger schaut es jedoch mit der Türkei, Slowenien und Kroatien aus. Dieser Länder scheinen fast „lehrbuchartig“ den Verlauf einer viel besprochenen „zweiten Welle“ widerzuspiegeln. Bis Mitte Juni erschien auch Österreich eine gute Idee als Urlaubsland. Von einer zweiten Welle zu reden erscheint früh, warten wir ab.

Wenn wir uns nach weiteren Optionen umschauen wollten, hier wären unsere Nachbarländer.

Der Vergleich der roten Linie und der Verlauf in den jeweiligen Ländern sagt klar, wo ein Urlaub ratsam ist.

Wendet man sich ferneren oder kleineren Urlaubszielen zu, findet man erstaunliche internationale Unterschiede in den Infektionszahlen pro 100.000 Einwohnern. Diese Normierung auf die Einwohnerzahl macht Länder vergleichbar, die sich in der absoluten Größe (gemessen in der Einwohnerzahl) stark unterscheiden. In jedem Land gibt es Kleinstädte mit ca. 100.000 Einwohnern. Wenn man sich vorstellt, in einem solchen Land in einer solchen Kleinstadt im Urlaub zu sein, dann ist die Infektionszahl pro 100.000 Einwohnern sehr informativ. Länder mit hohen Neuinfektionen wären zu meiden.

Zwischen einigen dieser Länder und Deutschland finden urlaubs- und berufsbedingte Reisen statt. Wenn Testkapazitäten in Deutschland ausgeweitet werden und Reisen zwischen diesen Ländern bekannt sind, erscheint es aus gesundheitspolitischen Überlegungen sinnvoll, Reisende nach Rückkehr zu testen.

Lassen Sie uns zum Abschluss erneut auf den Aspekt der internationalen Vergleichbarkeit eingehen. Wenn Regeln zum Test auf SARS-CoV-2 zwischen Ländern systematisch abweichen, dann würde man erwarten, dass auch die Neuinfektionszahlen pro Einwohner abweichen. Wenn in einem Land nur auf medizinische Anordnung getestet wird (wie in Deutschland weiterhin weitgehend der Fall), in anderen Ländern aber (als Beispiel) systematisch die gesamte Bevölkerung getestet würde, dann wären Neuinfektionszahlen in den Ländern mit systematischen Tests höher, da dann auch die asymptomatischen Fälle gemessen werden würden. Länder mit systematischen Tests der gesamten Bevölkerung sind uns nicht bekannt. Deswegen glauben wir, dass große Unterschiede in Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern tatsächlich auch Unterschiede im Infektionsverlauf widerspiegeln.

Bezüglich eines Aspektes sind obige Abbildungen aber auf jeden Fall informativ: Bezüglich des zeitlichen Verlaufs innerhalb eines Landes. Wenn sich zweite Wellen abzeichnen, dann kann dies als Anzeichen gewertet werden, dass Länder unter Umständen zu schnell Lockerungsmaßnahmen durchgeführt haben. In diesen Ländern ist dann sicher größere Vorsicht geboten. Eine Urlaubsreise sollte dann dorthin vielleicht nicht geplant werden.

Wir hoffen ausreichend klar gemacht zu haben, dass auch Zahlen keine absolute Wahrheit bieten. Zahlen müssen auch interpretiert werden. Aber ganz auf Zahlen zu verzichten ist sicher die schlechteste Option. Dann ist Spekulation und subjektiven Einschätzungen Tür und Tor geöffnet. Wohin die Reise geht? Entscheiden Sie selbst. Wir melden uns, wenn wir gesicherte Erkenntnisse haben. Dies dauert leider teilweise sehr lange – bis dahin ist hoffentlich die Pandemie vorbei. Somit wird immer ein Zielkonflikt zwischen Schnelligkeit und Genauigkeit bestehen bleiben.

Masken helfen ungemein – Einschätzung vom 4. Juni

Pressemitteilung

[mit Timo Mitze, Reinhold Kosfeld und Johannes Rode] Die Zeiten von Covid-19 scheinen so langsam zu Ende zu gehen. Auch wenn viele gesundheitspolitische Maßnahmen noch in Kraft sind, sind, ganz grob gesprochen, etwa die Hälfte aufgehoben. Die Neuinfektionen sinken nicht mehr ganz so rasant wie vor etwa drei Wochen, aber sie sinken weiterhin. Schon seit einiger Zeit stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, welche der gesundheitspolitischen Maßnahmen denn am erfolgreichsten waren. Oder anders ausgedrückt, was hat denn die eine oder andere Maßnahme tatsächlich gebracht?

Es liegt in der Natur sorgfältigen wissenschaftlichen Arbeitens, dass solche Ergebnisse nicht so schnell geliefert werden können, wie es für eine Unterstützung laufender politischer Diskussionen wünschenswert wäre. Inzwischen gibt es jedoch eine erste detaillierte Studie von Mitze, Kosfeld, Rode und Wälde zu Atemmasken. Diese findet, dass Masken einen überraschend großen Beitrag geleistet haben, um Infektionszahlen zu reduzieren.

Die unglaubliche Stabilität der Ausbreitung von Covid 19 (abgesehen von Bremen und Thüringen) – Einschätzung von 17. Mai

[mit Dr. Constantin Weiser] Bis zum 19. April gab es nur gesundheitspolitischer Maßnahmen, welche dem Ziel der Eindämmung der Ausbreitung von Covid 19 dienten. Ab dem 20. April traten verschiedene Lockerungsmaßnahmen in Kraft, weitere Maßnahmen folgten Ende April und Anfang Mai. Diese Maßnahmen unterscheiden sich erheblich zwischen den Bundesländern. Man hätte also erwarten können, dass sich die Ausbreitungsdynamik von Covid 19 ab dem 20. April ändert. Dies ist jedoch, abgesehen von Bremen und Thüringen, für kein Bundesland in der Bundesrepublik Deutschland der Fall.

Diese Abbildungen für 16 Bundesländer zeigen den beobachteten Verlauf der Anzahl der gemeldet Infizierten. Wir sagen mit Daten bis zum einschließlich den 19. April den weiteren Verlauf ab 20. April vorher. Dies sind die roten gestrichelten Linien mit dem grünen Konfidenzintervall. Abgesehen von, wie gesagt, Bremen und Thüringen liegen alle Bundesländer ab dem 20. April in diesem vorhergesagten Bereich. Das ist nun nicht etwa ein Verdienst des von uns sehr weise gewählten Vorhersagemodells, das weist vielmehr darauf hin, dass die Ausbreitungsdynamik von Covid 19 sehr, sehr stabil ist. Dies ist tatsächlich schon überraschend.

Möchte man nun spekulieren, woran das liegt, dann könnte man behaupten, die Lockerungsmaßnahmen haben nicht zu einem verstärkten Ausbreiten von Covid 19 geführt. Haben sie deswegen im Umkehrschluss erst gar nichts gebracht? Dies kann so schnell nicht geschlussfolgert werden. Menschen verhalten sich jetzt ganz anders als im März. Menschen sind weiterhin vorsichtig, tragen Atemmasken, halten im Schnitt mehr Distanz zu Mitmenschen als vor zwei oder sicher drei Monaten und Schulen und Kindergärten sind im Wesentlichen noch geschlossen. Weiterhin werden entdeckte Infektionsherde inzwischen sehr schnell von Behörden geschlossen. In diesem Sinn hat eine Bewusstseinsbildung stattgefunden, die sicher zur Eindämmung der Ausbreitung der Epidemie beiträgt.

Dennoch ist es einfach erstaunlich, dass man auf dieser Ebene der Bundesländer so gut wie keine Effekte entdeckt. Eine genauere Untersuchung von Bremen und Thüringen wäre natürlich lohnenswert. Als Erinnerung an das persönliche Risiko, sich aktuell zu infizieren: am vergangenen Mittwoch war die Anzahl der Neuinfektionen zum ersten Mal geringer als 1000. Im Schnitt liegen wir vielleicht bei 800 Neuinfektionen pro Tag. Das ist eine Person von 100.000. Dieses Risiko ist in der Tat sehr gering.

Die beste aller Zeiten? Einschätzung vom 9. Mai

Kann man am 8. oder 9. Mai etwas schreiben ohne das Kriegsende zu erwähnen? Vor allem jetzt, 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges? Vielleicht leben wir deshalb in den besten aller Zeiten, da der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und damit die NS-Diktatur. Zurück zum Thema: Es scheint als liefen wir Zeiten entgegen, die so gut sind wie zuletzt vor 2 Monaten. Im Schnitt wurden über die letzten Tage weniger als 900 Menschen pro Tag neu als infiziert gemeldet, das sind auf die Gesamtbevölkerung gerechnet gerade mal circa 1 von 90.000 Personen pro Tag.

In einem Vortrag am iza stellte ich am letzten Donnerstag unsere Arbeiten der letzten 10-12 Wochen vor. Wie bekannt führten die gesundheitspolitischen Maßnahmen von Mitte bis Ende März zu einem starken Rückgang der Ausbreitung von Covid-19. Die Lockerung der Maßnahmen vom 20. April konnte den Rückgang der Neuinfektionen nicht bremsen. Es gibt jedoch leichte Anzeichen, dass die Anzahl der Neuerkrankungen nicht so schnell gesunken ist wie vor dem 20. April. Für die Bundesländer gibt es seit dem 20. April teilweise erhebliche Abweichungen nach oben und unten. Der Vortrag betonte auch den vermeintlichen Zielkonflikt zwischen Gesundheit und Einkommen. Der Zielkonflikt erscheint jedoch unvollständig, wenn er auf diese einfache Weise formuliert wird. Gesundheit steht nicht nicht nur für Abwesenheit von Covid-19 und reduziertes Einkommen bringt ebenfalls gesundheitliche Konsequenzen mit sich.

Wie schon die letzten Tage bis Wochen wird auch die kommende Zeit geprägt sein von Diskussionen jenseits von Covid-19 im engen Sinn. Covid-19 scheint langsam zu einer gewöhnlichen politischen Angelegenheit zu werden. Niemand glaubt, es sei alles vorbei, aber vielleicht bleiben wir tatsächlich von einer zweiten Welle verschont: Menschen haben gelernt und Verhalten hat sich geändert. Solange jedoch Großveranstaltungen verboten, Schulen und Kindergärten oder auch Schwimmbäder geschlossen bleiben sind wir noch nicht zurück im „normalen Leben“. Erst wenn wieder Kontaktfreiheit herrscht werden wir merken, ob menschliche Vorsicht alleine ausreicht, die zweite Welle zu vermeiden.

Schön wäre es. Es könnte wieder Ruhe einkehren, wichtige(re?) Dinge könnten wieder in den Vordergrund treten. Die globale Erwärmung, Bevölkerungswachstum, ungebändigter Konsum, das sind die Themen, die zurückkehren werden. Kluge Denker führen Belege an, dass auch Covid-19 nur ein Symptom exzessiven menschlichen Handelns sei. Die Frage ist, wieso menschliches Handeln so ist wie es ist – der ungesättigte egozentrierte homo oeconomicus, wieso ist er in vielen Bereichen so erfolgreich im Erklären menschlichen Verhaltens? Das sind die tatsächlichen, tieferliegenden Fragen. Diese könnten wieder in den Vordergrund treten, oder sollten dies endlich einmal tun. Dieser Blog könnte dann auch mit einer viel niedrigeren Frequenz beschrieben werden. Es wäre wünschenswert, wenn Covid-19 nicht mehr alles Denken, Fühlen und Handeln bestimmen würde.

Ein Plan für eine wissenschaftlich begleitete Lockerung – Einschätzung vom 4. Mai

Wie sollen die bestehenden Kontaktregeln weiter gelockert werden? Soll es deutschlandweit einheitliche Regeln geben, oder sollen diese nach Bundesländern oder sogar Landkreisen unterschiedlich gestaltet werden?

Allgemein akzeptiertes und weit verbreitetes statistisches Wissen verlangt nach einer Lockerung, die sich auf zufällige Weise von Landkreis zu Landkreis unterscheidet. Dies erlaubt, die Ansteckungswege mit SARS-CoV-2 am schnellsten zu verstehen. Dieses Vorgehen reduziert Infektionszahlen und Krankentage, rettet Menschenleben und spart Geld.

  • Die Lage

Bis 13. März 2020 gab es keine systematischen Regeln für private oder berufliche soziale Kontakte in Deutschland. Zwischen 14. März und 19. April 2020 waren, bis auf wenige Ausnahmen, die Regeln in den einzelnen Bundesländern relativ einheitlich. Mit der ersten Lockerungswelle seit dem 20. April unterscheiden sich die Regeln zwischen den Bundesländern oder Landkreisen stärker.

Niemand in Deutschland oder weltweit weiß auf einem wissenschaftlich gesicherten Niveau, was die Ausbreitungswege von Covid-19 in Deutschland sind. Ist das Tragen von Masken sinnvoll, sollen Kindergärten oder Schulen geschlossen werden, welchen Effekt haben die Schließungen von kleineren Läden oder von Geschäften mit mehr als 800 qm Verkaufsfläche?

  • Das Prinzip: die randomisierte kontrollierte Studie

In der Statistik gibt es seit Jahrzehnten den Ansatz der randomisierten kontrollierten Studie. Dabei werden die Effekte verschiedener Interventionen (wie z.B. Masken, Schulschließung, Kontaktsperren) dadurch verstanden, dass Interventionen zufällig festgelegt werden. Dies führt zu einer Aufteilung (etwa von Landkreisen) in Studiengruppe und Kontrollgruppe. Der Vergleich der Ergebnisse zwischen diesen zwei Gruppen erlaubt die bestmögliche Beurteilung der Effekte der Interventionen.

Schnell zugängliche Einführungen sind Einträge in Wikipedia, wie z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Randomisierte_kontrollierte_Studie oder https://en.wikipedia.org/wiki/Randomized_controlled_trial. In der Ökonomie ist diese Methode der Goldstandard u.a. für die Entwicklungszusammenarbeit. Große Organisationen wie u.a. die Weltbank verwenden sie routinemäßig. Im Jahr 2019 gab es für diesen Ansatz den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften, https://www.nobelprize.org/prizes/economic-sciences/2019/press-release/. Die Methode wird in einer Vielzahl von Lehrbüchern vermittelt und in unterschiedlichsten Disziplinen (u.a. Medizin, Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften) angewandt.

  • Die Umsetzung

Eine oder mehrere Landesregierungen beschließen Lockerungsmaßnahmen, die sich zwischen Landkreisen unterscheiden. In einem Landkreis („Landkreis A“) werden die Kindergärten geöffnet, sonst bleiben die Regeln unverändert. In einem anderen Landkreis („Landkreis B“) werden bei ansonst unveränderten Regeln die Grundschulen geöffnet, in noch einem Landkreis („Landkreis C“) werden weiterführende Schulen geöffnet. Es können weitere Landkreistypen mit entsprechenden aktuell öffentlich diskutierten Lockerungsmaßnahmen festgelegt werden.

Nach dieser Festlegung der Lockerungsmaßnahmen wird jeder tatsächliche Landkreis eines Bundeslands auf zufällige Weise einem Landkreistyp zugeordnet. Die neuen Regeln gelten ab einem Stichtag. Zwei bis drei Wochen nach diesem Stichtag wird mit den offiziellen Infektionszahlen überprüft, was die Effekte der Lockerungsmaßnahmen sind.

  • Abwägungen

Werden Menschen durch dieses Vorgehen zu Versuchskaninchen? Nein, das werden sie nicht durch dieses Vorgehen, das sind wir sowieso. Wenn Länder und Gemeinden unterschiedliche Maßnahmen festlegen, dann durchläuft jeder Landkreis ein eigenes „Experiment“. Würde man die Maßnahmen koordinieren, würden alle durch dieses sowieso stattfindende Experimentieren gewinnen.

Wäre ein solches Vorgehen ethisch vertretbar? Es sollte berücksichtigt werden, dass Lockerungsmaßnahmen in Regionen mit besonders hohen Infektionszahlen pro Einwohner nicht zu stark ausfallen. Somit wäre eine bedingte randomisierte Vorgehensweise empfehlenswert. Es gibt ethische Kriterien, die für ein solches Vorgehen sprechen („prozedurale Gerechtigkeit“) und ethische Kriterien, die es ablehnen (Unterschiede in Konsequenzen). Es ist jedoch zu vermuten, dass die ethischen Probleme ohne randomisiertes Vorgehen ähnlich groß sind. Sie sind nur etwas weniger sichtbar.

Wir betonen, dass dieses randomisierte Verfahren der Goldstandard in vielen Disziplinen ist. Es ist etwa in der Medizin die gängige Methode und dort allgemein akzeptiert. Gewonnene Erkenntnisse kämen natürlich auch all den Gruppen zugute, die zunächst keine zu großen Lockerungen erfahren. Dies wäre etwas später der Fall, dafür aber mit größerer Gewissheit, dass es zu keiner „zweiten Welle“ kommt. Regionen würden sich auch gegenseitig „versichern“: Sollten in einer Region die Infektionszahlen nach oben gehen, stünden in einer anderen Region Krankenhausbetten zur Verfügung. Natürlich kann das Vorgehen auch zeigen, dass manche Lockerungsmaßnahmen schneller umgesetzt werden können als gedacht.

  • Wo wir in einem Monat stehen werden

Niemand möchte eine zweite Infektionswelle, alle möchten mehr Freiheiten und ein Wiederanfahren wirtschaftlicher Aktivitäten. Unabhängig von den weiteren Lockerungsmaßnahmen zugrundeliegenden Überlegungen werden wir in Deutschland in einem Monat auf Infektionszahlen, Reproduktionsraten, Anzahl der Notfallpatienten, Infektionszahlen pro Einwohner, die Abflachung der Kurve und vieles mehr schauen. Die Frage ist, was wir aus alle dem verstehen und lernen können. Die Frage wird sein, was wir im Herbst oder zu eventuellen späteren Zeitpunkten aus diesem Sommer bezüglich der Infektionswege gelernt haben. Wenn politische Entscheidungsträger Lockerungsmaßnahmen nach den Prinzipien randomisierter kontrollierter Studien durchführen, dann werden wir am schnellsten lernen, welche Maßnahmen am besten helfen – für die Gesundheit, für die Wirtschaft, für die Demokratie und unsere Gesellschaft.

  • Unterzeichner

Salvatore Barbaro, Professor für Volkswirtschaftslehre, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Markus Frölich, Professor für Ökonometrie, Universität Mannheim

Philip Jung, Professor für Makroökonomie, Universität Dortmund

Reinhold Kosfeld, Professor für Statistik, Universität Kassel

Christian Merkl, Professor für Volkswirtschaftslehre, Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg

Thorsten Schank, Professor für angewandte Statistik und Ökonometrie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Jens Timmer, Professor für Theoretische Physik, Albert-Ludiwgs-Universität Freiburg

Reyn van Ewijk, Professor für Statistik und Ökonometrie, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Hans-Martin v. Gaudecker, Professor für angewandte Mikroökonomie, Universität Bonn

Klaus Wälde, Professor für Volkswirtschaftslehre, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

 

Den Aufruf gibt es auch als pdf-Datei: Wissenschaftlicher Aufruf - Covid-19 Lockerungen systematisieren

Überblicksartikel und Vortrag – Einschätzung vom 28. April

Unsere Einschätzung zur aktuellen Lage ist in einem Artikel zusammengefasst, der demnächst in den Perspektiven der Wirtschaftspolitik erscheint. Dazu hielt Prof. Wälde am 28. April einen Vortrag vor Studierenden und Kollegen der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Universität Mainz. Der erste Teil des Vortrags ist als Videomitschnitt erhältlich, genauso der zweite Teil. Die Folien sind ebenfalls verfügbar. Ein herzlicher Dank geht an Birgit Leimer, PhD, vom Lehrstuhl van Ewijk für die technische Unterstützung vor, während und nach der Aufzeichnung. Einem anonymen Schnittexperten sei auch gedankt.

Trügerische Ruhe – die Ruhe vor dem Sturm? Einschätzung vom 24. April

Wenig los hier in letzter Zeit. Es passiert auch wenig. Wir sind am Ender der "regulatorischen Phase 2", die Phase mit strengen Kontaktregeln. Diese lief am 19. April aus. Die Effekte der gelockerten Regeln sind in Daten noch nicht zu sehen. Dazu gibt es einen Vortrag und eine ausführliche Übersicht. Am Dienstag gibt es einen brown-bag Vortrag über zoom. Ab nächster Woche wird es spannend, erste Anzeichen der Effekte der Lockerung könnten sichtbar werden.

Die Anzahl der aktuellen Neuerkrankungen könnte fast optimistisch stimmen. Aktuell infizieren sich um die 2.000 Personen von gut 80 Millionen pro Tag, also ungefähr 1 von 40.000 Einwohnern. Das sind erfreulich wenige. Vorsicht ist aber weiterhin geboten, der Rückgang im Vergleich zu den letzten Wochen erfolgte nur wegen der aktuellen Kontaktsperren. Niemand hofft auf eine zweite Infektionswelle, aber sie ist möglich. Warten wir den weiteren Verlauf ab. Wie die in den kommenden Wochen zu erwartenden Zahlen analysiert werden sollten ist ebenfalls schon klar.

Grundlage für zukünftige Evaluationen gesundheitspolitischer Maßnahmen – Einschätzung vom 17. April

[mit Dr. Constantin Weiser] Was wäre, wenn die Regeln für soziale Kontakten nicht vor zwei Tagen verändert worden wären? Was wäre, wenn weiterhin alle Bewohner Deutschlands sich an diese Regeln halten würden? Dies wird durch folgende Abbildungen (erneut Gompertzkurven) für alle 16 Bundeländer dargestellt.

 

 

Die Abbildung zeigt die tatsächliche Entwicklung der Anzahl der mit CoV-2 infizierten Gemeldeten pro 100.000 Einwohnern vom 24. Februar bis 17. April 2020 (die schwarzen Punkte). Nimmt man Rheinland-Pfalz als Beispiel, sieht man, dass aktuell für circa 130 von 100.000 Einwohnern eine gemeldete Infektion vorliegt. In Bayern sind fast 300 von 100.000 Einwohnern infiziert (und gemeldet), in Sachsen-Anhalt sind es nur knapp 60 von 100.000.

Das Interessante an der Abbildung ist jedoch die Vorhersage, wohin sich die Fallzahlen entwickeln würden, wenn die aktuell noch bis Montag geltenden Regeln beibehalten worden wären und sich weiterhin alle Bewohner Deutschlands daran halten würden. Wir sehen, dass die Zahlen der gemeldet Infizierten weiter steigen würden, dass sich diese jedoch einer Obergrenze annähern. Diese hypothetische Obergrenze (für den Fall gleicher Regeln und gleichen Verhaltens) ist in folgender Tabelle angegeben.

 

BW BY BE BB HB HH HE MV
299 341 162 125 93 262 134 46
NI NW RP SL SN ST SH TH
128 190 152 334 121 67 97 88

 

Die Zahl 152 für Rheinland-Pfalz bedeutet, dass bei unverändertem Verhalten die Covid-19 Pandemie in Rheinland-Pfalz mit circa 152 gemeldet Infizierten pro 100.000 Einwohnern "enden" würde. In Bayern wären 341 von 100.000 gemeldet infiziert, in Sachsen-Anhalt würde der Anteil nur 67 pro 100.000 Einwohner sein.

Wieso interessiert dieses "was wäre wenn" - hätte, hätte, Fahrradkette? Diese erwarteten Entwicklungen sind die Grundlage für die Evaluation der ab Montag geltenden neuen Regeln für soziale Kontakte. Wenn die ab Montag (oder besser eine Woche später) tatsächlich zu beobachtenden Fallzahlen stark von dem erwarteten Trend abweichen, dann kann man ab einer ausreichend starken Abweichung ziemlich sicher sagen, dass die Änderung der Fallzahlen auf die Änderung der Regeln zurückzuführen ist.

Weiterhin rückläufige Zuwachsraten – Einschätzung vom 13. April

[mit Dr. Constantin Weiser] Letzte Woche stellten wir unsere aktualisierte Vorhersage für den weiteren Verlauf von COVID-19 in Deutschland vor. Die Behauptung war, wir würden uns am Wendepunkt befinden. Die Anzahl der bestätigen Infektionen würde nun nicht mehr steil nach oben verlaufen, sondern sich abflachen. Die letzten Beobachtungen bis einschließlich 7. April erweckten diesen Eindruck. Wie schaut es nun aus am 13. April, mit weiteren Beobachtungen bis zum 12. April? Dies zeigt unsere aktualisierte Gompertzkurve.

Wir sehen, die Schätzung von letzter Woche lag sehr richtig. Wir waren tatsächlich vor 5 Tagen bereits am Wendepunkt und sind nun über den Wendepunkt hinaus. Die Anzahl der gemeldet mit SARS-Cov2-Infizierten wird weiter steigen, allerdings mit immer weiter abnehmender Geschwindigkeit. Für eine absolute Entwarnung besteht jedoch überhaupt kein Grund. Die Anzahl der Covid-19 Erkrankten wird, nach dieser Projektion, bis weiterhin Ende Mai bzw. Anfang Juni steigen. Der zu erwartende Wert liegt bei knapp 180.000.

Wir betonen erneut, dass diese Vorhersage nur glaubwürdig ist, wenn die aktuellen Verhaltensregeln (Kontaktsperre und verwandte Regelungen) so beibehalten werden und sich weiterhin alle daran halten. Die Effekte einer Änderung wurde vor kurzem bereits abgeschätzt.

Bezüglich aller diskutierten Exitoptionen scheint es das Mittel der Wahl, regional unterschiedliche Maßnahmen zu ergreifen, wie in der Zusammenfassung der letzten detaillierten Projektion beschrieben. Ein einfaches Kriterium würde besagen, die Kontaktsperren in den Regionen zu lockern, die über wenige gemeldet Infizierte pro Einwohner und hohe freie Krankenhauskapazitäten pro Einwohner verfügen.

Nun noch ein kleiner Nachtrag für statistisch interessierte Menschen: Die neue Schätzung "liegt tatsächlich innerhalb" der alten Vorhersage. Konkret heißt dies, dass das Konfidenzintervall der neuen Schätzung innerhalb des Konvidenzintervalls der alten Schätzung liegt. Dies zeigt die folgende Abbildung.

Die rote gestrichelte Kurve in dieser Abbildung ist identisch zu der roten getrichelten Kurve oben. Der grüne Konvidenzbereich entspricht auch dem Bereich oben. Die graue gestrichelte Kurve entspricht der Vorhersage von vor wenigen Tagen. Der graue Bereich ist der Konvidenzbereich für diese damalige Vorhersage. Wie die Abbildung zeit, liegt der neue grüne Konvidenzbereich vollständig innerhalb des damaligen Konvidenzbereichs. Das spricht dafür, dass die Ausbreitung von Covid-19 gerade einem sehr stabilen Muster folgt. Es wird spannend zu sehen (wir erlauben uns, der allgemein doch bedrohlichen Lage auch Positives abzugewinnen), wie sich Lockerungsmaßnahmen in neue Ausbreitungsmuster übersetzen werden. Wir werden berichten.

Vorhersage COVID19 Deutschland bis nach Ostern – Einschätzung vom 9. April

Pressemitteilung

[mit Jean Roch Donsimoni, René Glawion, Bodo Plachter und Constantin Weiser] Der aktuelle Verlauf der Anzahl der an COVID19 Erkrankten unter den aktuellen Kontaktsperren wird bei Beibehaltung dieser Maßnahmen für die kommenden ein bis zwei Wochen gut wie hier gezeigt beschrieben und vorhergesagt.

 

Die Beobachtungen sind durch die dunklen Punkte beschrieben, die Vorhersage durch die rote gestrichelte Linie. Diese Abbildung wurde bereits vorher ausführlicher beschrieben. Die Originalgrafik ist Abbildung 3 der zugrundliegenden Arbeit.

Ab 20. April wird es unter Umständen neue Regeln für Privatpersonen und Unternehmen geben. Das Szenario einer vollständigen Aufhebung ist durch die grüne Kurve in der folgenden Abbildung dargestellt:

Wenn Kontaktsperren gelockert werden, dann ist es am besten, wenn dies nach Bundesländern unterschiedlich erfolgt (siehe Abschnitt 6 Conclusion). Durch unterschiedliche Erfahrungen wüsste man dann in 4-5 Wochen, welche Lockerungen am ehesten sowohl wirtschafts- wie auch gesundheitsfreundlich sind.